Mehr Einsatz von Burschenschaften für geeintes Europa statt Nationalismus: Forderung von Klaus Feldmann (bereits 2012)

marke-burschenschaftVor kurzem hat Blog BPA ein Konzeptpapier von Klaus Feldmann (40 Jahre lang Mitglied bei Burschenschaft Stauffia München bis 2015) aus dem Jahr 2014 veröffentlicht. Darin skizzierte er auf etwa 40 Seiten mögliche Reformideen für Burschenschaften. Feldmann hatte solche reformerischen Ideen schon früher und hat sie auch im Verband publik gemacht.

Schon in 2012 nämlich hatte Feldmann seine ersten Gedankenansätze zur Reform der Deutschen Burschenschaft verbandsintern publik gemacht, und zwar in Form eines Artikels in der Verbandszeitschrift.

Zu dem Zeitpunkt macht er den ersten Versuch, den Verband mit einem Artikel zu einer realistischen Einschätzung der eigenen Positionierung in der deutschen Gesellschaft und zum Umsteuern zu bewegen. Er verortete die DB im gesellschaftlichen Abseits, unterstrich die Notwendigkeit zur Reform und zeigte eine Möglichkeit auf, mit welcher neuen Zielvorstellung der Verband diesem Abseits entkommen könnte.

Der Artikel Feldmanns zeigt, dass es 2012 hinter den Kulissen noch vereinzelt den Versuch gab, das nach ganz rechts zeigende Ruder herumreissen zu wollen. Doch zu der Zeit hatten schon Dutzende Burschenschaften den Verband verlassen oder verhandelten über den Austritt. Zurück blieb und bleibt der rechte Rest.

Obwohl der Beitrag mittlerweile vier Jahre alt ist, zeigt der Artikel von Klaus Feldmann mit einer genauen Analyse die damaligen – und heutigen – Schwächen der DB-Burschenschaften und ihres Verbandes auf. Und er stellte den sich bereits damals abzeichnenden Rechtsruck in Frage.

Hier noch einmal sein Beitrag von 2012, der lesenswerte Analysen und Ansätze enthält (die Urheberrechte am Artikel liegen allein beim Autoren)

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KLAUS FELDMANN:

Nach der deutschen die europäische Einigung – eine neue, alte Vision für die Deutsche Burschenschaft

Man ist kein Nestbeschmutzer, wenn man feststellt, daß sich die Deutsche Burschenschaft im gesellschaftlichen Abseits fest etabliert hat. Wie sollte man es sonst nennen, wenn angesehene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, auch Burschenschafter in herausragender Position, mit diesem Verband nicht in Verbindung gebracht werden wollen, wenn sich andere Akademiker-Verbände von der DB! distanzieren, wenn einzelne Verbandsgruppierungen mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht und sogar vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Diese Einordnung schmerzt, weil man gleichzeitig konstatieren kann, daß die große Mehrheit der Burschenschafter auch in ihrem nichtburschenschaftlichen Lebensumfeld geschätzt wird, in angesehener Position einen wertvollen Beitrag in Gesellschaft, Wirtschaft oder privatem Umfeld leistet und damit unserem burschenschaftlichen Anspruch durchaus gerecht wird.

Nun dürfen wir uns als Burschenschafter mit dieser Zustandsbeschreibung nicht zufrieden geben: Ein Verband, in dem die Lebenswirklichkeit der einzelnen Mitglieder und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit so weit auseinanderklaffen, muss sich die Frage nach seiner Zukunftsfähigkeit stellen lassen!

Der schlechte Ruf des Verbandes fällt auf Mitgliedsbünde und Mitglieder zurück. Dadurch hat dieses Bild in der Öffentlichkeit, korrekt oder nicht, gravierende Konsequenzen für unsere Fähigkeit, Nachwuchs zu gewinnen. Und die Gewinnung von Nachwuchs, nicht irgendeines Nachwuchses, sondern neuer Mitglieder, die das Potential haben, in dieser sich mehr und mehr globalisierenden Welt herausragende Positionen einzunehmen, ist nun mal die Voraussetzung für unser Bestehen! Nur damit könnten wir dem historischen Anspruch der Burschenschaft gerecht werden und unsere Zukunft sichern.

Wie sind wir in diese Situation geraten?

Allen voran gibt es keine einigende burschenschaftliche Zielvorstellung, keine einigende Vision mehr, von einer gemeinsamen ganz zu schweigen. Ähnlich wie mit dem Auseinanderfallen des Warschauer Paktes für die NATO ist mit der Wiedervereinigung im letzten Jahrtausend der Gründungswunsch der Burschenschaft im Wesentlichen in Erfüllung gegangen. Die Prinzipien der Aufklärung haben ihren Eingang in den Alltag gefunden, die Zersplitterung in Kleinstaaten ist überwunden und wir Deutsche können uns nicht nur – wie von der Urburschenschaft gefordert – in Deutschland, sondern in ganz Europa ohne Zahlung von Zöllen und Vorzeigen von Reisedokumenten besuchen, frei bewegen und politisch betätigen. Die heutige Visionslosigkeit führt aber dazu, daß die DB! zuweilen orientierungslos durch die Zeit treibt, vielfach Debatten von gestern führt, sich in Grabenkämpfe verstrickt und letzten Endes das Engagement für das Wohl der Deutschen aus dem Auge verliert. Stattdessen dringen immer wieder Informationen und Ereignisse an die Öffentlichkeit, die den Schluß nahelegen, daß in burschenschaftlichen Kreisen nationalistische oder gar rassistische Gedanken als gesellschaftsfähig angesehen werden. Damit schließt sich der Kreis: Die Öffentlichkeit findet die Bestätigung, daß die Burschenschaften im gesellschaftlichen Abseits gut aufgehoben sind!

Was ist zu tun?

Zuvörderst müssen wir in unserem Verband offiziell und nachhaltig mit der Vorstellung aufräumen, daß in der heutigen Zeit das Vertreten von deutschen Interessen mit klassisch nationaler, nationalistischer oder gar fremdenfeindlicher Politik zu vereinbaren ist!

Das richtige Verständnis der deutschen Interessen ist dabei für mich besonderer Bedeutung, da der Begriff „National Interest“ ja gerade auch durch seine Verwendung in den USA unter Bush jun. in Verruf geraten ist: Verfolgen des nationalen Interesses ohne Rücksicht auf Verbündete, andere Staaten, die Umwelt etc..

Auch Deutschland hat im letzten Jahrhundert zweimal den Alleingang versucht: Einmal sollte am deutschen Wesen die Welt genesen, das andere Mal sollte der deutsche Hegemonialanspruch gleich auf 1000 Jahre zementiert werden.

Ich habe daraus gelernt, daß die Einbindung in Allianzen, der Verzicht auf deutsche Sonderwege, das Engagement für supranationale Organisationen, heißen sie nun EWG, EG, EU, Nato oder UNO, segensreich waren und sind.

Dieses Gemeinschaftsengagement möchte ich an meinem Deutschland nicht missen!

Die heutige Welt ist so vernetzt, daß sich Einzelne, zumindest Einzelne von der Größe Deutschlands, nicht mehr auf Kosten anderer nachhaltig einen Vorteil verschaffen können.

Deutschland läuft auf sich gestellt im Zeitalter der Globalisierung Gefahr, schon auf mittlere Sicht marginalisiert zu werden. Deswegen liegt es im wohlverstandenen deutschen Interesse, sich für ein starkes, gemeinsam handelndes Europa zu engagieren. Damit wird ein Engagement für Europa zu einem ur-burschenschaftlichen Anliegen!

Im deutschen Interesse

Das Wort der Marginalisierung ist hart, aber an den Zahlen führt nun einmal kein Weg vorbei! In 2025 stellen Deutsche nur noch 1 % der Weltbevölkerung. Dazu kommt in Deutschland eine kritische Auswirkung der Alterspyramide. Heute hat Deutschland 40 Mio. Erwerbstätige von potentiell 54 Mio. Menschen zwischen 16 und 64. In 2050 werden es bei der gegenwärtigen Ratio noch 24 Mio. Erwerbstätige von 39 Mio. Deutschen in dieser Altersgruppe sein. Einmal abgesehen von Problemen, die sich aus der Versorgung der alternden Bevölkerung ergeben, den Renten etc., wie viel Kaufkraft bleibt dann noch in Deutschland, wie steht es mit der Attraktivität von Deutschland als Markt etc.

Wie steht es mit unserem Gewicht in internationalen Organisationen? Dort werden die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) mehr und mehr Gewicht gewinnen. Ihre Wirtschaft wächst mit Abstand schneller als die der westlichen, bislang wohlhabenden Staaten, insbesondere Europas.

Was können wir als Deutschland allein noch beeinflussen? Im Weltmaßstab werden das quasi-kommunale Themen sein. Kritische Themen wie die Regulierung der Finanzindustrie, Steuern, Umweltpolitik, Patentwesen, aber auch Kriminalität und Terrorismus, können nicht mehr zielführend von einem auf sich gestellten Land angegangen werden.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erklärte in seiner Rede zur Deutschen Einheit in Frankfurt, auch das wiedervereinte Deutschland sei auf Dauer nur in einem geeinten Europa gesichert. Der Nationalstaat habe seine alleinige Regelungskompetenz verloren.

Er betont: „Daß sich die Staaten miteinander einigen, wird auf Dauer nicht reichen“. „Wir brauchen demokratisch legitimierte Entscheidungen durch gewählte Gremien auf allen Ebenen.“ Nötig sei mehr und nicht weniger Europa, wenn man ein Auseinanderfallen der Institutionen verhindern wolle. Es gebe keine Alternative zu Europa.

Um als Deutschland nicht zur Randgröße zu schrumpfen, was liegt näher als sich der europäischen Völkergemeinschaft zu besinnen, auf einen Raum gemeinsamer kultureller Wurzeln. Mit diesem Gedanken kann ich mich als Burschenschafter voll identifizieren!

Ist nicht zusätzlich gerade die Einbindung von Deutschland in Europa die Garantie für inzwischen 65 Jahre Frieden in Europa. Frieden für Deutschland? Eine „beispiellose Erfolgsgeschichte“ nennt Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, das geeinte Europa. Europa gründe sich auf der historischen Einsicht, daß Frieden, Freiheit und Wohlstand auf dem Kontinent dauerhaft nur durch einen engen Verbund gewährleistet werden können.

Der Ausgang der Wahl in Polen im vergangenen Jahr hat doch eine wunderbare Nachricht gesendet: Ein Kandidat hat versucht mit der Bedienung antideutschen Ressentiments die Wahl zu gewinnen, in dem er unterstellte, daß Deutschland die Aufhebung der O/N Grenze betreibe, und? Er ist damit gescheitert! Das zeigt mir, daß Europa auch in den neuen Mitgliedsländern anfängt zu funktionieren! Die aktive und konstruktive Unterstützung des europäischen Einigungsprozesses dient dem Wohl der Deutschen!

Eine neue, alte burschenschaftliche Vision

Das Ringen um ein einiges Europa im 21. Jahrhundert stellt für mich die perfekte Analogie zum Ringen der Urburschenschaft um ein einiges Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts dar! Auch wenn im Bezugszeitraum dieser Analogie natürlich das einige Deutschland im Vordergrund burschenschaftlichen Strebens stand, klingt selbst dort schon die Sehnsucht nach einem einigen Europa an, so in den Reden von Johann Georg August Wirth und Phillip Jakob Siebenpfeiffer auf dem Hambacher Fest, das ja einen der Höhepunkte burschenschaftlichen Wirkens in der Vergangenheit darstellt. (Wirth: „Hoch! Dreimal hoch das conföderirte republikanische Europa!“ Siebenpfeiffer: „Es lebe das freie, das einige Deutschland! Hoch leben die Polen, der Deutschen Verbündete! Hoch leben die Franken, der Deutschen Brüder, die unsere Nationalität und unsere Selbständigkeit achten! Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland – Volkshoheit – Völkerbund hoch!“ )

Mit einem engagierten Eintreten für ein einiges Europa als neuer burschenschaftlicher Kernvision kann die DB! im 21. Jahrhundert ihre Zukunftsfähigkeit zurückgewinnen.

Bei diesem Credo für Europa will ich natürlich nicht verhehlen, daß man sich auch mit den kritischen Stimmen zur Einigung Europas auseinandersetzen muß, so beispielsweise zu Teilaspekten wie der Finanz- und Währungsituation. Ich halte das für eine gute und notwendige Diskussion, in der es allerdings nur wenige namhafte Teilnehmer gibt, die das Ziel des Europäischen Zusammenrückens als solches in Frage stellen. Es wird also um den richtigen Weg gerungen, nicht um das Ob. Daß dieser Weg nicht immer schnurgerade verläuft ist in unserem politischen Prozess völlig normal und gut!

Die zweifellos interessante Frage der Konkretisierung der Idee dieses einigen Europa könnte in den Mittelpunkt burschenschaftlicher Diskussion und Bildungsarbeit rücken: Wie soll Europa in 20, 30 oder gar 50 Jahren aussehen? Wie wird eine saubere Balance zwischen dem geeinten Europa und seinen Institutionen auf der einen Seite und den zweifellos erhaltenswerten Kulturen der heutigen Vaterländer auf der anderen Seite austariert? Wieviel Aufgabe an Souveränitätsrechten ist nötig, aber auch ausreichend, um im weltpolitischen Kräftespiel ein wettbewerbsfähiges und mitbestimmendes Europa zu schaffen? Wie ist es möglich, auch wohlverstandene deutsche Interessen ( und ggfs. welche? ) in dieses Europa einzubringen? Da lohnt sich das intensive Ringen! Denn es weist nach vorn und außen, nicht nach hinten und innen, wie leider viele der Themen, die den gegenwärtigen burschenschaftlichen Diskurs bestimmen.

Die DB! könnte gerade auf der studentischen Ebene den Austausch mit Studenten anderer Nationen fördern. Warum nicht ausländischen Studenten, die durch ihr Studium an einer deutschen Hochschule ihr Interesse an Deutschland bekunden, auf unseren Häusern ein Zimmer anbieten? Wenn sie sich für ein geeintes Europa engagieren, und damit dem Wohl der Deutschen dienen, lässt sich ja konstatieren, daß sie eine von sicher mehreren Mitgliedschaftsvoraussetzungen erfüllen!

Manche Auseinandersetzung in der DB! heute mutet dagegen antiquiert an: Es geht da oft um Themen, die außerhalb der DB!, ja auch innerhalb, kaum jemand interessieren. Wie erfrischend dagegen die Forderung unserer Vorväter nach einem geeinten Deutschland und gar einem geeinten Europa.

Schlussfolgerung

Ich bin überzeugt, daß sich die DB! mit dieser, ihrer Geschichte gerecht werdenden, Themenverschiebung hin zu Europa aus dem gesellschaftlichen Abseits, in dem sie heute steht, befreien kann und damit Zukunftsfähigkeit zurückgewinnen wird. Universitätspräsidenten, die das Tragen von Farben und das Verteilen von Flugblättern verbieten, Journalisten, denen einige – zum Glück nur wenige! – Burschenschafter immer wieder Anlass geben, uns die braune Farbe zuzuordnen, Politiker, die sich davor scheuen müssen, daß ihre Mitgliedschaft in einer B! bekannt wird. Wir alle kennen diese Fälle. Intern schieben wir sie gern auf die böse Journaille, auf Politiker ohne Rückgrat, auf Feigheit im öffentlichen Auftritt. In Wirklichkeit sind wir gefordert, diesen Eindruck zu widerlegen! Wir müssen unseren Verband neu ausrichten. Wir müssen dafür sorgen, daß unser Bild in der Öffentlichkeit nicht von einigen wenigen radikalen und reaktionären Vorkommnissen und Vertretern bestimmt wird! Die Deutsche Burschenschaft und die Einzelbünde müssen gegenüber diesen Tendenzen klar und auch öffentlich Stellung beziehen und sich erforderlichenfalls von den agierenden Herren trennen!

Mein STANDPUNKT: Diese Neuausrichtung auf Europa dient der DB! und uns Deutschen, wie auch immer wir definiert seien und wo auch immer wir leben! Wir sind (auch) Europäer!

Mit der Europa Deklaration vom BT 2010 hat die DB! das Thema aufgegriffen. Eine visionäre Wirksamkeit entsprechend der urburschenschaftlichen Motivation zu einem geeinten Deutschland hat es damit noch nicht entfaltet. Hier liegt unsere Chance! Burschen heraus!

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Autor: Klaus Feldmann

Veröffentlichung: Verbandszeitschrift Burschenschaftliche Blätter 1/2012, Blog Burschenschafterpacktaus 2016

Der Autor war bis 2015 Mitglied der Münchener Burschenschaft Stauffia

 

DIE REIHE WIRD FORTGESETZT

 

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