Wissenschaftler bezweifelt Demokratietauglichkeit von Burschenschaften/ZEIT-Interview

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(c) ZEIT 11.12.2014, Seite 14, Österreich-Ausgabe, (c) Foto (Original bearb.) Reuters

Die Deutsche Burschenschaft verortet er in der Nähe der NPD, die aus ihr ausgetretenen Bünde der IBZ würden zur AfD passen, die Demokratie brauche keine Burschenschaften, der Kern ihres Weltbildes bestehe aus deutschem Nationalismus – kaum ein gutes Haar lässt der Wiener Politologe Dr. Bernhard Weidinger an ganz rechten und konservativen Burschenschaften im Interview mit der ZEIT.

Die Wochenzeitung befragte ihn, weil am 11.12. seine Studie über Burschenschaften und Parteien in Österreich nach 5-jähriger Forschung in Buchform mit dem Titel „Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen“ erschienen ist. Für die Studie hat der österreichisch Bundespräsident den Wissenschaftler ausgezeichnet.

Fazit des Interviews: der Politologe zweifelt die Demokratietauglichkeit von Burschenschaften an. Auf 632 Seiten legt er Belege für seine Zweifel vor. Um das zu unterfüttern hat sich Weidinger auch durch das Archiv der Dt. Burschenschaft in Koblenz gewühlt. Er komprimiert das Gefundene in vernichtenden Worten: die Demokratie brauche keine Burschenschaften, „denn sie stehen selbst in einem Spannungsverhältnis zur Demokratie  – nicht nur aufgrund des Primats des völkischen Nationalismus. Zu verweisen wäre etwa auch auf ein vorherrschendes Männlichkeitsideal, das kritische Selbstbeschau als Verrat und Kompromissfähigkeit als Schwäche verfemt, oder auf den burschenschaftlichen Elitarismus und die damit verbundene Geringachtung des demokratischen Souveräns.“

Ziel von Burschenschaften sei die „Erringung deutscher Hegemonie“. Der „Kern des burschenschaftlichen Weltbildes“ bestehe in der „Einteilung der Menschheit in Völker“ und letzlich in einem deutschen Nationalismus. Daraus würden sie auch Gebietsansprüche außerhalb der Bundesrepublik ableiten, z.B. Elsass und Südtirol. Im burschenschaftlichen völkischen Nationalismus seien nur die Bünde der NeuenDB eine Ausnahme, die die Grenzen der Bundesrepublik anerkennen würden.

Das Ziel der deutschen Hegemonie auch in praktische Politik umzusetzen versuchten Burschenschaften in Deutschland über die NPD, pro Köln und nun AfD sowie ideologische Arbeit auf der Metaebene. In Österreich seien die Burschenschaften weiter. Dort hätten sie „durch die FPÖ immer direkten Zugriff auf den politischen Prozess.“

Neben dem Interview mit Weidinger bringt die ZEIT auch eine Besprechung seines Buches. Hier die entscheidende Passage daraus:

„Natürlich fehlen in Weidingers Untersuchung nicht die zahlreichen Belege für das abstruse Geschichtsbild der Bünde und ihre halbherzige Abgrenzung zum Nationalsozialismus. Aber der Autor geht weiter. Burschenschaften seien nämlich mehr als ein versprengter Haufen brauner Nachlassverwalter. Nicht die eher geringe Größe mache Burschenschaften rele­vant, sondern ihre Möglichkeiten, politische Inhalte mithilfe der FPÖ umzusetzen. Demokratie im burschenschaftlich­ völkischen Sinne sei allerdings nur unter ethnisch Gleichen möglich, die ein gemeinsames Weltbild eine. »Es handelt sich hierbei klarerweise um eine Vorstellung, die mit der sozialen Realität moderner Gesellschaften unvereinbar ist beziehungs­ weise nur auf gewaltsamem, das heißt autoritärem Wege durchsetzbar wäre«, schreibt der Autor.“

-> Link: ZEIT ONLINE „Nationalismus: Burschenschaften geht es um die deutsche Hegemonie“, Interview von Florian Gasser mit Dr. Bernhard Weidinger, 11.12.2014

-> Link (offline): ZEIT print Österreich „Bessere Deutsche?“, Buchrezension, Seite 14, 11.12.2014

 

Weitere Links:

Interview mit Dr. Bernhard Weidinger im Blog BPA, warum Burschenschaften für extrem Rechte so interessant sind

 

Informationen zum Buch von Dr. B. Weidinger über rechte Burschenschaften und ihren Einfluss

640 Seiten Studie über Burschenschaften in Österreich (ab Nov. im Böhlau-Verlag)

Im Dezember erscheint das Buch “Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen – Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945” von Dr. Bernhard Weidinger (Böhlau Verlag). Auf 632 Seiten untersucht er “die Rolle akademischer Burschenschaften im politischen Geschehen der Zweiten Republik”, wie das wissenschaftliche Blog FIPU schreibt. “Basierend auf der Auswertung von umfangreichem, bislang von kritischer Forschung nicht erschlossenem Quellenmaterial behandelt er eine Vielfalt an Aspekten: von der Restauration des deutschnationalen Verbindungswesens nach 1945 über den burschenschaftlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit bis hin zum Einfluss der Verbindungen auf die Entwicklung der FPÖ. Das burschenschaftliche Weltbild beschreibt Weidinger als durch deutsch-völkischen Nationalismus und ein spezifisches, quasi-soldatisches Männlichkeitsbild geprägt. Burschenschaften erscheinen in seiner Darstellung letztlich als anachronistisches Kuriosum und politisch hochrelevant zugleich.”

Der Wissenschaftler informiert auch auf Twitter unter @bweidin.

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13 Antworten zu “Wissenschaftler bezweifelt Demokratietauglichkeit von Burschenschaften/ZEIT-Interview

  1. Mit wem aus der politischen Landschaft die Rest-DB taktiert oder liebäugelt ist mir egal. Aber die Nähe der IBZ, einer der Grundpfeiler des neuen Dachverbandes, zur AfD ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Warum haben Referenten aus der AfD denn einen Auftritt bei den Tagungswochenenden erhalten. Das war einfach unklug. Und dass überhaupt keine Reaktion seitens IBZ hierzu erfolgt ist auch pressetechnisch ungeschickt. Es wird schon wieder der selbe Fehler wie früher gemacht. Die Herren ignorieren konsequent begründete Kritik und ich sehe diesen Beitrag als Warnschuss.
    Ein neuer burschenschaftlicher Dachverband muss konsequent die politische Grenze ziehen, das bedeutet: links von den Grünen und rechts von der CSU hat niemand bei uns eine Chance. Darüber hinaus muss endlich ein Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland abgegeben werden und dass Deutschland die Bundesrepublik Deutschland ist. Eine „DB-light“ kann doch nicht ernsthaft das Ziel sein.

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    • @Anonym, warum anonym, nicht per Nick?

      Zum Inhalt: der Sprecher des alten Verbandes ab 2015 ist gleichzeitig in einer alten Verbandsburschenschaft sowie außerdem Mitglied in einer Jenaer Burschenschaft, die den neuen Verband mitgründet.

      Vielleicht ist die Ruhe des neuen Verbandes darin begründet, dass hinter den Kulissen schon wieder kräftig zusammengearbeitet wird, wie das Sprecherbeispiel und Mensuren und Münchner Bälle etc. zeigen. Abgrenzung nach rechts sähe etwas anders aus. Die Braunschweiger Veranstaltung des neuen Verbandes mit Afd-Rendnern zeigt, dass sich die alte DB-Linie auch im neuen Verband durchgesetzt hat.

      Vermutlich wird die Verfassung des neuen Verbandes auf der DB-Verfassung aufbauen. Wollen wir wetten?

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    • tja, @ Anonym, und wenn Sie jetzt nur noch die „verdächtige“ Frage stellen sollten: „wozu soll der neue Verband taugen“, dann droht Ihnen Unheil (Ironie off!).
      @BPA Buxen,
      dass der zukünftige DB-Sprecher auch das Band einer Jenaischen Burschenschaft trägt ist bekannt (mit open end). Dass diese jedoch den neuen Verband mitgründet, wage ich zu bezweifeln. Nichts deutet darauf hin.
      Die „Jenaische Burschenschaft“ ist in dieser Frage völlig gespalten.

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      • @Otto Framm, dann könnte der Jenaer-Marburger-Doppelbänder-Mann und Verbands-Sprecher ein Einfallstor sein, wie die DB doch noch
        zu ihrer 200-Jahr-Feier in Jena kommt. Ein Supergau für die jenaischen Burschenschaften und den neuen Verband.

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        • @ BPA Buxen,
          Einladungen zur 200-Jahrfeier erfolgen ausschließlich durch die 3 Jenaer Burschenschaften und das noch einvernehmlich. Die Chancen für die DB stehen dafür sehr schlecht, tendieren gegen Null.
          Ob IBZ-Bünde eingeladen werden sei dahingestellt. Keine Jenaische Burschenschaft ist Mitglied in diesem Zusammenschluss. Das Fassungsvernögen des Festsaals ist übrigens begrenzt. Wenn ein Bund eingeladen wird, ist die Teilnehmerzahl auf max. 5 Personen beschränkt. Soll der Bund beim Kommers chargieren, dürfen es 8 sein.

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  2. Was Dr. Weidinger mit wissenschaftlicher Akribie belegt, ist doch für jeden wachen Beobachter der Burschenschaften schon lange bekannt. Schön, dass wir es jetzt auch fundiert nachlesen können. Man kann sich heute nur noch schämen organisierter Burschenschafter zu sein. (Ausnahme NDB.) Für die 200-Jahrfeier der Urburschenschaft dürfte diese Arbeit nichts Gutes bedeuten. Man kann dem Werk nur eine breite Öffentlichkeit wünschen, damit das Thema Burschenschaft bald nur noch Geschichte ist. Diese Art von korporationsstudentischer Tradition hat es nicht geschafft in der Gegenwart anzukommen. Die alte Burschenherrlichkeit ist im Sumpf von Dünkel und Reaktion abhanden gekommen. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Geistige Elite sieht schon lange anders aus.

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    • Das Problem liegt in den Zielen der AfD. So wie die IBZ eine DB-Light ist, verhält es sich mit der AfD zur NPD. Ja, ja, jetzt kommt wieder das Gerede von der demokratisch gewählten Partei… Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Das Gleiche gilt für die Pegida-Verblendeten. Etwas mehr Faktenwissen aus VWL und Soziologie wäre bei den Anhängern dieser Gruppen zutiefst wünschenswert. Im Übrigen verweise ich auf die Feststellungen von Herrn Dr.Weidinger.

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      • Sich über eine neue Partei zu informieren gehört zum Auftrag politischer Bildung, den ich für wichtig und politisch für zentral halte- gerade für eine Burschenschaft.
        Auch ich habe sehr am Anfang mit der AfD geliebäugelt (übrigens darin sehr bestärkt von sehr linken Kollegen).
        Nachdem aber Sprüche über einen behinderten Bekannten kamen, der trotz seiner Behinderung und Hautfarbe eine absolut beeindruckende Karriere gemacht hat, zog ich mich zurück. Aber zunächst habe ich mich selber informiert
        Wenn sich also Burschenschafter aus erster Hand informieren wollen ist das gut so. Daraus NPD light zu machen halte ich – ganz zurückhaltend ausgedrückt – für unlauter.

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      • Welche Ziele? Die AfD ist eine sehr junge Partei, die noch im Findungsprozess ist. Was ich wahrnehme, empfinde ich als sehr diffus. Vergleicht man das mit den Grünen in ihrer Gründungsphase, zeigt sich die AfD aber als wesentlich harmloser. Weder gibt es Sympathien mit politischer Gewalt oder Terrorismus. Und auch so etwas wie eine AG Schwuppe (der Schwulen und Päderasten) als Parteiorganisation ist undenkbar.
        Ich habe anfangs ähnlich Monokel mit der AfD geliebäugelt. Mir war die thematisch aber zu einseitig. Neue Themen kommen, und in zwei oder drei Jahren wird man wissen ob der Laden eine Zukunft hat oder nicht.
        Das Kernproblem ist meiner Meinung ein Defizit in unserer Demokratie. Die meisten Unterstützer findet die AfD aus Frust darüber, dass die Politiker von Union, Sozialdemokraten und Grünen in ihrer eigenen, gut absicherten Welt leben und für die Menschen im Prinzip kaum noch da sind. Welcher Politiker hat sich denn noch viele Jahre in einem „richtigen Beruf“ bewährt, ehe er in die Politik gegangen ist und ein bezahltes Abgeordnetenmandat angenommen hat? Die Menschen spüren, dass es vor allem politische Vereinsmeier sind, welche die sichtbaren Köpfe der Parteien bilden. Die Liberalen haben das auf die Spitze getrieben und ihre eigene Anhängerschaft vergrault. Über dieses Kernproblem muss man reden. Und ich finde es auch legitim, wenn man sich anhört was Vertreter einer Partei zu sagen hat, die aufgrund des Demokratiedefizits – so nenne ich es mal – der alten Parteien erst hat entstehen können.
        Insofern ist es in Ordnung für mich, wenn Vertreter der AfD auf Verbindungshäusern sprechen. Das bedeutet, man hört sich das an und setzt sich damit auseinander. Das bedeutet nicht, dass man sich deren Positionen blind zu eigen machen würde.

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        • @ Kritischer Buxe,
          wie sagte schon Graf Lambsdorff so treffend zu den „bewährten“ Berufen unserer Abgeordneten?
          „Das hohe Haus ist manchmal voller, manchmal leerer, aber immer voller Lehrer“.

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          • Sind auch eine Menge Leute aus anderen Berufen dabei. Letzten Endes haben die sich nur darin bewährt, in ihren politischen Vereinen (eine andere Bezeichnung für Parteien) als „engagiert“ zu gelten und daher mit bezahlten Mandaten versorgt zu werden. Bewährung im Leben sieht anders aus. Die Personalauswahl der Parteien sehe ich sehr kritisch und ich halte sie für ein Problem unserer Demokratie. Einfach weil immer mehr Leute (zumindest wenn ich mich in meinem Bekanntenumfeld umhöre) von den Typen nicht repräsentiert sehen und sich letzten Endes von der Demokratie abwenden. Ein Weimar in neuem Gewand wäre schlimm.

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