Demnächst Buch über Burschenschaften in Ö: Vorab-Interview mit Autor Dr. B. Weidinger

640 Seiten Studie über Burschenschaften in Österreich (ab Nov. im Böhlau-Verlag)

640 Seiten Studie über Burschenschaften in Österreich (ab Nov. im Böhlau-Verlag). Mehr Infos mit Klick auf Buchtitel.

Der Auftritt von Neonazi, V-Mann und Burschenschafts-Mitgründer Tino Brandt im NSU-Prozess diese Woche hebt wieder einmal ein Thema hoch, das sonst eher am Rande blüht. Nämlich das Thema, warum und wie extreme Rechte wie Brandt Burschenschafter wurden und werden. Wir fragten dazu den Wissenschaftler Dr. Bernhard Weidinger von der Uni Wien, ein profunder Kenner und Forscher zum Thema Rechtsextremismus und Burschenschaften. Im Interview galt unser Blick auch Österreich, wo sich das Thema schon in den 80er Jahren entwickelte, ca. in den 90er Jahren nach Deutschland schwappte und in den letzten Jahren an Dynamik zulegte.

Im November veröffentlicht Weidinger ein 640-seitiges Buch über Burschenschaften und ihren Einfluß seit 1945 auf die Politik in Österreich. Auch dazu mehr im Interview.

 

Vielleicht können Sie als Experte erläutern, warum in D ab den 90ern und in Österreich noch früher Vertreter der ganz rechten Szene, wie Kameradschafter, sich für Burschenschaften interessieren und selbst Mitglied wurden und werden?

Dr. Weidinger: „Zunächst haben Burschenschaften oft eine gewisse Infrastruktur zu bieten, die man zu nutzen gedenkt: das Verbindungshaus als Begegnungs-, Veranstaltungs- und häufig auch Wohnraum, die von den Alten Herren zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel für den laufenden Betrieb, aber auch Kontakte zu einer Vielzahl anderer Verbindungen bzw. rechter Organisationen und deren Mitgliedern. Diese Kontakte und die doch noch beträchtliche Größe des Burschenschaftswesens insgesamt machen die Verbindungen im Sinne eines neonazistischen Entrismus auch als politisches Instrument interessant. Das Vorhaben einer Instrumentalisierung der Burschenschaften in diesem Sinne wäre aber von vornherein zum Scheitern verurteilt, existierten nicht beträchtliche ideologische Andockpunkte in Form u. a. von völkischem Nationalismus, soldatischem Männlichkeitsideal und nationalisierender Geschichtsbetrachtung. Zusätzlich wären die Abgeschlossenheit nach außen und die relative Salonfähigkeit der Verbindungen als akademische Vereinigungen zu erwähnen, die den Burschenschaften eine Schutzraumfunktion verleiht.“

Warum denken Sie, interessieren sich anderseits auch Burschenschaften für Kameradschafter als Mitglieder, obwohl das auch ein Risiko in Richtung Öffentlichkeit und Verfassungsschutz darstellt?

Dr. Weidinger: „Viele Burschenschaften – die österreichischen im Durchschnitt mehr als die deutschen – kämpfen seit Jahrzehnten mit Nachwuchsproblemen. Obwohl man sich als Elite versteht, kann man sich vor diesem Hintergrund besondere Selektivität in der Mitgliederauswahl nicht mehr leisten. In jenen Verbindungen, die ohnehin fest im völkischen Nationalismus verankert sind, stellt bereits erfolgte Ideologisierung im rechtsextremen Sinn ohnehin kein Eingangshindernis, sondern mitunter gar ein Plus dar.“

Warum ist in Österreich die aktive rechte Szene aus Kameradschaftskreisen noch stärker in Burschenschaften vertreten als in Deutschland?

Dr. Weidinger: „Die Burschenschaften in Österreich stehen traditionell rechts vom Mainstream der bundesdeutschen Bünde, was personelle und ideologische Überschneidungen mit dem organisierten Rechtsextremismus/Neonazismus zwangsläufig macht. Der völkische Nationalismus hat hier bereits im 19. Jahrhundert eine härtere Ausprägung erfahren. Als bei der deutschen Reichsgründung außen vor gebliebene “Grenzlanddeutsche” im Habsburgischen Vielvölkerstaat wähnten die Österreicher ihr “Deutschtum” besonders bedroht und betonten es daher umso fanatischer. Nach 1945 sah man sich erneut aus “Deutschland” ausgesperrt und war nun zudem mit einem sich ausbildenden Österreich-Nationalismus konfrontiert, worauf man mit ideologischer Einbunkerung reagierte.“

Worin sehen Sie die Gefahren, dass Kameradschafter auch Burschenschafter werden?

Dr. Weidinger: „Aufgrund des Ansehens und der Seilschaften von Studentenverbindungen allgemein – als akademische, bürgerliche, seriös auftretenden Vereinigungen – bringen Burschenschaften Neonazis mitunter in Positionen, in denen sie gesellschaftlich eher Gehör für ihre Anliegen finden, als dies bei proletarischen Neonazigruppierungen der Fall wäre. Auf diesem Weg können die Normalisierung und die Einspeisung rechtsextremer Ideologiebestandteile in den öffentlichen Diskurs vorangetrieben werden. In Österreich kommt hinzu, dass Burschenschaften stark in der Freiheitlichen Partei verankert sind, über die ihre Anliegen ungleich größere Verbreitung erfahren, als dies sonst der Fall wäre.“

Wie sehen Sie das Verhältnis/Umgehen von Behörden und Politik zum Thema extrem Rechte wie Kameradschafter als Mitglieder von Burschenschaften?

Dr. Weidinger: „Die Arbeit der Verfassungsschutzbehörden erfolgt in Deutschland auf viel professionellerem Niveau als in Österreich, wobei auf das V-Leute-Unwesen und auf die strukturellen Misstände hinzuweisen ist, die in der Causa NSU offenbar wurden. In beiden Ländern orte ich eine verhängnisvolle Tendenz, auf totalitarismutheoretischer Grundlage Neonazismus und aktiven Antifaschismus als gleichermaßen bekämpfenswert zu punzieren. Interessanter Weise widmen die Verfassungsschutzbehörden in Deutschland Burschenschaften mehr Aufmerksamkeit als jene in Österreich, obwohl die österreichischen Verbindungen mindestens ebenso viel Anlass zur Überwachung liefern würden. Die Zentrumsparteien verhalten sich meinem Eindruck nach in beiden Ländern eher abwiegelnd, wobei die Sozialdemokratie hier wie dort ein gewisses Distanzierungsbedürfnis erkennen lässt.“

Sie haben gerade zum Themenkreis Burschenschaften und Verbindungen zum Rechtsextremismus und zur FPÖ eine Doktorarbeit abgeschlossen, die im November veröffentlicht wird. Was haben Sie genau untersucht und wie sind Sie dabei vorgegangen?

Dr. Weidinger: „Ich habe erforscht, auf welche Weisen Burschenschaften und ihre Mitglieder im Österreich nach 1945 politisch aktiv wurden, auf welcher ideologischen Grundlage sie dies taten und inwieweit sie dabei politische Wirkmächtigkeit entwickeln konnten. Auch ihre Rolle im Rahmen der Deutschen Burschenschaft erfährt dabei, wenn auch nicht im Fokus stehend, Behandlung. Für die Arbeit habe ich umfangreiche Materialbestände untersucht – größtenteils burschenschaftliche Originalquellen, unter anderem aus dem DB-Archiv in Koblenz.“

Vielen Dank, Herr Dr. Weidinger, für das Gespräch.

 

Informationen zum Buch von Dr. B. Weidinger über rechte Burschenschaften und ihren Einfluss

640 Seiten Studie über Burschenschaften in Österreich (ab Nov. im Böhlau-Verlag)

640 Seiten Studie über Burschenschaften in Österreich (ab Nov. im Böhlau-Verlag)

Im November erscheint das Buch „Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen – Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945“ von Dr. Bernhard Weidinger (Böhlau Verlag). Auf 640 Seiten untersucht er „die Rolle akademischer Burschenschaften im politischen Geschehen der Zweiten Republik“, wie das wissenschaftliche Blog FIPU schreibt. „Basierend auf der Auswertung von umfangreichem, bislang von kritischer Forschung nicht erschlossenem Quellenmaterial behandelt er eine Vielfalt an Aspekten: von der Restauration des deutschnationalen Verbindungswesens nach 1945 über den burschenschaftlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit bis hin zum Einfluss der Verbindungen auf die Entwicklung der FPÖ. Das burschenschaftliche Weltbild beschreibt Weidinger als durch deutsch-völkischen Nationalismus und ein spezifisches, quasi-soldatisches Männlichkeitsbild geprägt. Burschenschaften erscheinen in seiner Darstellung letztlich als anachronistisches Kuriosum und politisch hochrelevant zugleich.“

Der Wissenschaftler informiert auch auf Twitter unter @bweidin.

 

 

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