Fallbeispiel: Wie man eine Burschenschaft auf rechts drehen kann

logo-burschenschafter-gegen-neonazisDer Rechtsruck in zahlreichen Burschenschaften war seit Mitte der 90er Jahre nach der Veröffentlichung des Schwabschen Masterplans besonders auffällig. Doch wie konnte es dazu kommen, dass der Plan Erfolg hatte? Was waren Faktoren für den Rechtsruck? Das fragte unser Leser und Burschenschafter Otto Framm. Wir antworteten ihm, wie der Rechtsruck unserer Meinung nach durchgeführt werden konnte. Damit das wichtige Thema nicht in den Leserkommentaren untergeht, hier noch einmal unsere Antwort:

„Wie bei vielen später rechten Burschenschaften waren viele Faktoren wichtig, um eine Burschenschaft auf ganz rechts zu drehen. Als entscheidenen Faktor haben wir die Duldung des Eindringens und Breitmachens von Rechten durch Liberale analysiert. Eine Burschenschaft, deren liberale Altherrenschaft eine starke Position gegen Rechte hat, ist für den Rechtsruck weniger anfällig. Weitere Faktoren: lange Jahre wenig Nachwuchs, einige ganz rechte Alte Herren der Südtirolfraktion als Schläfer und Keimzelle für neue rechte Aktive, eine heterogene AH-Schaft mit unterschiedlichen Grüppchen und viel Streit, die Mentalität einer Vertriebenen-B! mit relativer Offenheit gegenüber rechten Themen bei vielen AH, eine schwache Aktivitas gegenüber einer bestimmenden konservativen AH-Schaft, liberale AHs und Aktive mit burschenschaftlichen Beißhemmungen gegenüber rechten Bbr. etc.

Zwei eigentliche Zündfunken war die Aufnahme eines bekannten Buxen mit rechter Ausbildung bei Wikingjugend, FAP etc. Danach war der Bund in 2 Jahren auf ganz rechts gedreht. Sein Ausschluss scheiterte 2001,weil die ganz rechten Schläfer-AHs sich reaktivieren ließen, darauf traten viele junge liberale AHs aus. Der Rest wie auch wir gingen für Jahre in die innere Emigration. Bis 2011 zum Arierparagraph mit der folgenden Gründung der Initiative. Einen entscheidenenden Faktor beim Rechtsruck hat auch die Universität gespielt. Sie bot einem bekannten Rechtsprofessor eine Spielwiese mit einem Arbeitskreis, in dem der Professor Wikingjugend etc. versammelte. Von dort kamen die rechten Herren dann in Burschenschaften. Der Arbeitskreis war auch einmal Thema im Bundestag wegen seines rechten Personals.“

Unser Leser Roger fragte , was denn in den 90ern für den Verbleib im rechten Dachverband sprach. Unsere Antwort: „Schon damals versuchten die Aktiven mehrfach, den Verband zu verlassen, sind aber am Votum der AHs gescheitert. Deren Argument für den Verband: ich treffe meine Kumpels beim VAB-Stammtisch. Wenn wir nicht mehr im Verband sind, dann kann ich nicht mehr zum Stammtisch. Die Austrittsbemühungen wurden von den Aktiven immer nach Burschentagen intensiviert, wenn diese noch vom Aufeinandertreffen einmal pro Jahr mit Ösi-Buxen mit Scheiteln und Schnäuzer und Holocaust-Relativierungen geschockt waren. Aber die AHs mit ihrem Stammtischen waren stärker. Der Verband spielte damals aber auch noch nicht die Rolle wie heute mit seinen heutigen Vorgaben. Man hatte eigentlich nur bei Pflichtveranstaltungen wie z.B. BT oder Rhetorik-Seminaren direkt mit ihm und seinen Strukturen zu tun.
Aber natürlich haben wir damals auch mit Scheuklappen gelebt, muss man selbstkritisch feststellen. Denn die rechten Strukturen und Kontakte in die anderen rechten Szenen gab es auch damals schon. Nur noch nicht so ausgeprägt. Und das rechte Personal hatte noch nicht wie heute die Strukturen durchdrungen.“

Wir sind mit unserer Meinung zum Rechtsruck nicht die Einzigen. Selbst rechte Burschenschafter plaudern manchmal offen über den Rechtsruck ihres Bundes und den Weg dahin. Hier ein Beispiel aus dem Theaterstück Waffenschweine (Programmheft): „Der starke Wandel nach rechts hat bei uns in den 70er Jahren stattgefunden. In den 60ern hatten sie keinen Nachwuchs mehr, mussten ihren Bund zu machen und dann haben ein paar NPDler mit der Altherrenschaft die Burschenschaft wiedereröffnet. Wahrscheinlich haben sie sich damals nicht gleich offenbart. Und die Vorkriegs-Alten-Herren, die wirklich viel gefochten hatten, waren einfach begeistert, dass jetzt ein Bund kam, der nicht so hasenfüßig war. Die konnten fechten. Und das hat erst mal imponiert. Und dann Mitte der 80er radikalisierte sich das ganz stark. Angefangen im rechten Lager der CDU bis zur NPD. Und das führte irgendwann dazu, dass 15 Alte Herren auf einmal austraten und einen eigenen Bund gegründet haben. Die hatten erkannt, jetzt ist da nichts mehr zu verändern. Aber bis zum Schluss hatten wir immer noch liberale Alte Herren. Die waren offensichtlich blind, oder sie haben es ignoriert. Man kennt ja den und der ist noch dabei und wenn der dabei ist… Wir Aktiven haben die gar nicht mehr ernst genommen. Nein. Da hat man gesagt, na ja, das sind die Aushängeschilder, die sollen ihren Spaß haben. Zum Schluss waren die Liberalen dann so in der Minderheit, dass die auf keinem Konvent was durchbringen konnten. Ich sehe uns Aktive noch abends sitzen und die Entscheidung treffen: Wir gehen jetzt diesen Schritt und treten in die NPD ein. Das wurde auch offen in der Burschenschaft diskutiert. Da hat niemand gesagt, nee das dürft ihr jetzt nicht.“

 

Wie ist Ihre Erfahrung und Meinung zum Thema “ Wie man eine Burschenschaft auf rechts dreht“?

Wie kann verhindert werden, dass solche Rechtsrucke in Zukunft passieren, z.B. mit Blick auf neu entstehende Strukturen und Organisationen?

 

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Eine Antwort zu “Fallbeispiel: Wie man eine Burschenschaft auf rechts drehen kann

  1. Befürchtungsweise können die Antworten auf die hier gestellten Fragen mittlerweile alle Beteiligten (ob in diesem Forum oder anderweitig) im Kanon rückwärts singen. Es sind und bleiben Teilantworten.
    1) AH-schaften:
    – die „Südtirolfraktion“, die ultra-konservativ/rechten Alte Herren hat es doch vermutlich in fast allen „klassischen“ Korporationen gegeben, nicht nur in Burschenschaften. In einem generationsübergreifenden Lebensbund darf das nicht wundern. Ideologische Grundlagen sind wandelbar. Die Frage lautet folglich: warum konnte in einem Bund diese Fraktion obsiegen? Und das fast ausschließlich in Burschenschaften? Waren/sind deren Bundesgrundlagen obsolet geworden, überlebt? Hat der Wahlspruchbegriff „Vaterland“ die weiteren Grundlagenbegriffe ausgehebelt?
    – Meinungsverschiedenheiten (gleich über welche Themen) sind in jeder Gemeinschaft an der TO. Werden sie unüberbrückbar, führen sie zu Fraktionsbildungen, Spaltungsdrohungen, hat der „Lebensbund“ sein Ziel verfehlt. Weg mit dem!
    2) Aktivitates:
    – auch der Nachwuchsmangel war/ist doch kein Sonderfall bei Burschenschaften, sondern betrifft/betraf fast alle „klassischen“ Korporationen. Die Frage lautet folglich: warum ist es Korporationen gelungen, dieses Nachwuchsproblem zu überwinden, andere hingegen krepeln weiter vor sich hin? Die einen haben selbstkritisch analysiert und gehandelt (wie auch immer), andere haben sich in ideologische Wolkenkuckucksheime verzogen mit dem Ergebnis des Untergangs oder werden ihr kümmerliches Dasein in einer bedeutungslosen Nische fristen. Mein Mitleid hält sich dafür gewaltig in Grenzen. Jedoch: ändern werden wir das nicht.
    Fazit: das politische Prinzip der Burschenschaften unter dem Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“ hat sich in einem freiheitlichen Rechtsstaat überlebt. Im Gegenteil: er verführt wegen seiner grenzenlosen Auslegbarkeit zu den beklagten Auswüchsen. Das „faule Ei“ ist schon sehr viel früher gelegt worden, und nicht durch den „Masterplan“ eines politischen Plapperers. Die kritische Analyse fängt folglich schon dort an. Diese muss jedoch jeder Bund für sich selbst erledigen.

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