Unerwünscht in Marburg: Parlament hat DB-Burschenschaften öffentliche Aktivitäten untersagt

logo-debeadeEinstimmig haben am 19.3. CDU, SPD, Linke, Grüne etc. in einem Ausschuss des Marburger Stadtparlaments beschlossen, „dass politische und öffentliche Aktivitäten studentischer Verbindungen und ihrer Mitglieder, die der rechtsextremen Deutschen Burschenschaft angehören in Marburg nicht erwünscht sind….”, berichtet das Online-Magazin der Marburger. Marburgs Oberbürgermeister Erwin Vaupel bewertete dies als „historischen Beschluss“ und freute sich, dass alle Verteter des bürgerlichen Lagers dem Beschluss zugestimmt hätten.

Die Oberhessische Presse berichtet: „Nicht zustimmen wollten die beiden CDU-Vertreter der Passage in dem Antrag, in der eine Teilnahme von Marburger Politikern an Veranstaltungen dieser Burschenschaften als „unangebracht“ bezeichnet wird.“

Am 22.3. hat das Stadtparlament der oben beschrieben Ausschuss-Abstimmung ebenfalls zugestimmt. (Oberhessische Presse)

Die Fraktion der Linke hat diesen Antrag eingebracht, dem weitgehend zugestimmt wurde (Original von Seite des Marburger Stadtparlaments):

„Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen:

 Die Stadtverordneten des Marburger Stadtparlamentes erklären,

 –          dass politische und öffentliche Aktivitäten studentischer Verbindungen und ihrer Angehörigen, die der Deutschen Burschenschaft angehören, in Marburg nicht erwünscht sind

 –          dass es gilt, alle politischen und (verwaltungs-)rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, diese zu verhindern

 –          dass es unangebracht ist, wenn Marburger Politiker und Politikerinnen oder sonstige Personen des öffentlichen Lebens bei Veranstaltungen der genannten Bünde oder mit Repräsentanten dieser Bünde zusammen auftreten.

 –          Die Stadtverordnetenversammlung fordert den Magistrat auf, sich diese Haltung zu Eigen zu machen.

Begründung:

 Die langjährigen Untersuchungen von Historikern und Politikwissenschaftlern, u. a. die von Dr. Alexandra Kurth am Fachbereich Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen, ebenso wie die Berichte unterschiedlichster Zeitschriften und Zeitungen – zuletzt u. a. FAZ, 4. März 2013 (Andreas Groth, „Kleiner und rechter“), belegen, dass die Deutsche Burschenschaft am äußerst rechten Rand des politischen Spektrums anzusiedeln ist.

Zahlreiche Bezüge personeller und politischer Art zur NPD sind nachweisbar.

Trotz heftiger öffentlicher Debatte hat die DB bei ihren jüngsten Burschentagen und Sonderburschentagen keine Abgrenzung zum neofaschistischen Lager vorgenommen. Sie hält weiterhin an rassistischen Aufnahmekriterien fest, nach denen nur „deutschstämmige“ Männer, ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit, Mitglieder werden können.

Die DB weigert sich, ihre historische Rolle als Steigbügelhalter bei der Übergabe der politischen Macht an die Nationalsozialisten aufzuarbeiten. Die Rolle zahlreicher Burschenschafter als Funktionäre des faschistischen Regimes verschweigt oder verharmlost sie. (Schon 1920 verbot die DB die Aufnahme von Juden und „jüdisch Versippten“ in die Bünde der DB. Am gescheiterten Hitlerputsch von 1923 waren DB-Burschenschafter beteiligt. Der Marburger Student Hans Glauning, in Personalunion Führer der DB und des Nationalsozialistischen Studentenbundes, übergab 1935 feierlich die Fahne der DB an die HJ, DB-Burschenschafter fanden sich in allen hohen Ämtern des NS-Staates ebenso wie in der SS). Heute treten immer wieder Referenten aus dem extrem rechten Lager als Referenten „auf“ den Häusern von DB-Verbindungen, z. B. der Marburger Rheinfranken, auf. Vom eigenen Dachverband ungerügt, rechtfertigte der damalige Schriftleiter der Burschenschaftlichen Blätter 2012 die Hinrichtung des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer.

Über die Ablehnung expliziter äußert rechter Selbstverortung der DB-Bünde mit ihren Bezügen zum Neofaschismus sollte Einigkeit unter Demokraten herrschen. Zudem stehen die Aktivitäten dieser Burschenschaften dem Anspruch Marburgs, eine weltoffene, international ausgerichtete Stadt der „Vielfalt“ zu sein entgegen und konterkariert die entsprechenden Bemühungen der Universität, des Ausländerbeirats, der in den Städtepartnerschaften und der lebendigen Kulturszene engagieren Bürgerinnen und Bürger.“

CDU-Fraktionschef Philipp Stompfe erklärte in der Oberhessischen Presse: „Wir wollen dieses rechtsextreme Gedankengut in der Stadt nicht. Die inhaltliche Ausrichtung der Deutschen Burschenschaft ist abscheulich. Es ist ein Skandal, dass es so etwas 70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur noch gibt“.

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8 Antworten zu “Unerwünscht in Marburg: Parlament hat DB-Burschenschaften öffentliche Aktivitäten untersagt

    • Ziel in MR: alle politischen und (verwaltungsrechtlichen) Möglichkeiten gegen Aktivitäten von DB-Burschenschaften ausschöpfen.
      Wer veranstaltet denn bitte den Marktfrühschoppen? Doch wohl -jedenfalls früher- die Oberstadtgemeinde, und nicht Korporierte?
      Von links ging beim Marktfrühschoppen Gewalt aus, in meiner MR-Zeit nie aber von Korporierten, egal von welchem Dachverband.

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  1. Mal abgesehen davon, dass es in Marburg wirklich den einen oder anderen Vollpfosten gibt, der auch außerhalb der eigenen Verbindungsstadtgrenzen nicht zur Genesung von irgendwem beigetragen hat und reichlich Schläge, pardon Hiebe verdient hätte, so sitzen doch genauso unmögliche Opfer im Stadtparlament – oder eben auch nicht 😉

    Wird sehr interessant, wenn der Markt-Frühschoppen demnächst eingeklagt werden soll und dann zwanghaft peinlich auf unbeschwert geträllert wird. Man bedarf lediglich ein Gros Idioten und einer trägen untätigen Masse und schon hat man 2 Jahrhunderte Studententradition niedergemetzelt.

    Jeder in Marburg und auch dem Rest der Republik sollte wissen, welchen „Parade- und Vorzeigebuxen“ man das zu verdanken hat. Da die Jungs auch immer schon verhaltensauffällig und wenig bescheiden in ihrer Selbstbeweihräucherung waren, sollte das nicht weiter schwer sein.

    Die sollen mal schön mit Anstand auf dem Schiff bleiben ! Vielleicht finden sich ja in Südtirol, der Ostmark, Südwest-Schutzgebieten und Reichsprotektoriaten die genialen Unterstützer der neuen DB-Idee ohne die schäbigen lumpigen Nestbeschmutzer ^^ .

    Und sowas von versagt und gerade noch rechtzeitig vor der Bundestagswahl aber sowas von kaputt…. 20 Austritte geknackt… und es geht noch weiter….Das ist aber wirklich unglücklich zumal selbst die Neue Rechte bald nicht mehr so doof sein wird, so trüb zu fischen !

    Ich finde, dass nun alle Buxen zusammen legen sollten und mal die Mittelseite einer großen Zeitung kaufen müssten. Welt oder FAZ, Süddeutsche oä.

    Da finden sich doch bestimmt noch Spender für den Aufschrei ?! Aber ich denke, dass heute keine dieser Medien sich verkaufen würde dafür. Der authentische Buxe steht in der Hierarchie unmittelbar vor dem Salafisten und Scientologen auf Platz 1.

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  2. Ich halte das für den völlig falschen Weg und für Fensterreden von Gutmenschen. Wie soll das Geschwätz in der Realität denn umgesetzt werden ? Die Braun-Buxen sind doch da und lebendig . Ignorieren ja aber soll denn mehr geschehen? Was passiert, wenn die jetzt geschlossen als Zuschauer zur Ratsversammlung kommen. Wird dann die Versammlung sofort aufgelöst ?

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  3. Hat beim Marktfrühschoppen jemals ein Korporierter geschweige denn ein Burschenschafter politisiert? Habe ich jedenfalls nie erlebt. Als Turnerschafter wurde friedlich Seite an Seite mit Korporierten jeglicher Couleur gefeiert, und hinterher ging es auf die Häuser. Der Markrfrühschoppen war ein Volksfest, an dem AUCH Korporierte teilnahmen, und sich stets hervorragend präsentierten (bis auf wenige Corps-Studenten). Was genau wirft man denn den DB-Burschenschaften in MR konkret vor?
    Ist es etwa wirklich verwerflich, wenn Burschenschaften sich auferlegen, wen sie aufnehmen und wen nicht, und eigene Kriterien hierzu entwickeln?
    Welcher Bund darf als nächster das Spießrutenlaufen über sich ergehen lassen? Viellieicht Turnerschaften, die das Sportprinzip hochhalten, von Bundesbrüdern u.a. das Erreichen des Deutschen Sportabzeichen s einfordern und deshalb Männer ohne sportliche Grundfitness (z.B. mit Behinderung) nicht aufnehmen?
    So wie in der Regel Nicht-Deutsche gar nicht erst Burschenschafter werden wollen, wenden sich Mäönner ohne Interesse am Sport bzw. ohne körperliche Eignung gar nicht erst an Turnerschaften oder werden nicht gekeilt.
    Ist doch gut, wenn verschiedene Bünde unterschiedliche männliche Studenten ansprechen.
    Also: Wenn distanzieren, dann von der Intoleranz wie in MR derzeit gelebt.

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  4. Die Intoleranz der Linken in Marburg ist schon seit Jahren erschreckend. Beredetes Zeichen dafür sind die immer wieder kehrenden Attacken gegen die Verbindungshäuser.
    Der Marktfrühschoppen war SPD, Grünen und Linkspartei schon immer ein Dorn im Auge, weil sich dort in Gesprächen und in der öffentlichen Wahrnehmung zeigte, dass die Burschenschaften eines eben nicht waren und sind: rechtsextrem. Das passt vielen nicht in ihr ideologisches Bild. Um das zu retten, wird hier eine alte Studententradition zerstört, die zum Ruf Marburgs als Studentenstadt beiträgt.

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  5. Das einzige politische an das ich mich erinnern kann ist, daß Germanen und Rheinfranken zu Ende eines Marktfrühschoppens vor einigen Jahren mit den Leuten von der APPD ins Gespräch gekommen sind. Was der Anlaß war, weiß ich nicht und zugehört habe ich auch nicht. Aber zum Schluß haben die an einem Tisch gesessen und miteinander angestoßen und diskutiert.

    Nun ist die APPD nicht repräsentativ für die Linken Kräfte in Marburg und hat auch teils sehr komische Ansichten. Aber die Sache zeigte mir, daß sich auf dem Fest auch Leute kennenlernen können, die sonst gar nichts miteinander zu tun haben und eigentlich auch nicht viel voneinander wissen. Es ist bedauerlich, wenn das jetzt nicht mehr sein soll, und zwar mit politischer Ansage vom Magistrat.

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